Montag, 11. Mai 2009

Tempo Enigmático. Rätselhafte Zeit.

Ich habe ein Jahr gebraucht, um herauszufinden, wie lang ein Monat ist. Es war im Oktober des vergangenen Jahres, am letzten Tag des Monats. Es geschah, was jedes Jahr geschieht und was mich trotzdem jedes Jahr aus der Fassung bringt, als hätte ich es noch nie zuvor erlebt: Das neue, ausgeblichene Morgenlicht kündigte den Winter an. Kein brennendes Leuchten mehr, kein schmerzhaftes Blenden, kein Gluthauch, vor dem man sich in den Schatten flüchten möchte. Ein mildes, versöhnliches Licht, das die kommende Kürze der Tage sichtbar in sich trug. Nicht, dass ich dem neuen Licht als Feind begegnet wäre, als einer, der es in hilfloser Komik ablehnt und bekämpft. Es schont die Kräfte, wenn die Welt die scharfen Kanten des Sommers verliert und uns verwischtere Umrisse zeigt, die zu weniger Entschiedenheit zwingen. Nein, es war nicht der blasse, milchige Schleier des neuen Lichts, der mich zusammenfahren ließ. Es war die Tatsache, dass das gebrochene, entkräftete Licht wieder einmal das unwiderrufliche Ende einer Periode in der Natur und eines zeitlichen Abschnitts in meinem Leben anzeigte. Was hatte ich seit Ende März gemacht, seit dem Tag, als die Tasse auf dem Tisch des Cafés in der Sonne wieder heiß geworden war, so dass ich beim Griff danach zurückzuckte? War es viel Zeit gewesen, die seither verflossenen war, oder wenig? Sieben Monate - wie lang war das?
Gewöhnlich meide ich die Küche, sie ist Anas Reich, und es gibt etwas an ihrem energischen Jonglieren mit den Pfannen, das ich nicht mag. Doch an jenem Tag brauchte ich jemanden, dem gegenüber ich mein lautloses Erschrecken zum Ausdruck bringen konnte, auch wenn es geschehen musste, ohne es zu nennen.
>>Wie lang ist ein Monat?<< fragte ich ohne jede Einleitung?
Ana, die gerade das Gas entzünden wollte, blies das Streichholz wieder aus.
>>Sie meinen?<<
Ihre Stirn lag in Falten wie bei jemandem, der sich einem unlösbaren Rätsel gegenüber sieht.
>>Was ich sage: Wie lang ist ein Monat?<<
Den Blick zu Boden gesenkt, rieb sie sich verlegen die Hände.
>>Nun, manchmal sind es dreißig Tage, manchmal...<<
>>Das weiß ich doch<<, sagte ich unwirsch, >>die Frage aber ist: Wie lange ist das?<<
Ana griff nach dem Kochlöffel, damit die Hände etwas zu tun hatten.
>>Einmal, da habe ich meine Tochter fast einen Monat lang gepflegt>>, sagte sie zögernd und mit der Behutsamkeit eines Seelenarztes, der fürchtet, seine Worte könnten im Patienten etwas zum Einsturz bringen, das sich danach nie wieder würde aufbauen lassen. >>Viele Male am Tag die Treppe rauf und runter mit der Suppe, die nicht verschüttet werden durfte - das war lang.<<
>>Und wie war es danach, im Rückblick?<<
Jetzt riskierte Ana ein Lächeln, in dem die Erleichterung zum Ausdruck kam, dass sie sich in der Antwort offenbar nicht völlig vergriffen hatte.
>>Immer noch lang. Aber irgendwie wurde es dann immer kürzer, ich weiß auch nicht.<<
>>Die Zeit mit all der Suppe - fehlt sie dir jetzt?<<
Ana drehte den Kochlöffel hin und her, dann holte sie ein Taschentuch aus der Schürze und schneuzte sich. >>Ich habe das Kind natürlich gerne gepflegt, es war in jener Zeit so überhaupt nicht trotzig. Trotzdem möchte ich's nicht noch einmal erleben müssen, ich hatte ständig Angst, weil wir nicht wussten, was es war und ob es gefährlich war.<<
>>Ich meine etwas anderes: ob du es bedauerst, dass jener Monat verflossen ist; dass die Zeit abgelaufen ist; dass du nichts mehr aus ihr machen kannst?<<
>>Nun ja, sie ist vorbei<<, sagte Ana, und nun sah sie nicht mehr wie ein nachdenklicher Arzt aus, sondern wie ein eingeschüchteter Prüfling.
>>Ist ja gut<<, sagte ich und wandte mich zur Tür. Im Hinausgehen hörte ich, wie sie ein neues Streichholz anriss. Warum war ich immer so knapp, so schroff, so undankbar für die Worte der anderen, wenn es um etwas ging, das mir wirklich wichtig war? Woher das Bedürfnis, das Wichtige rabiat gegen die anderen zu verteidigen, wo sie es mir doch gar nicht wegnehmen wollten? Am nächsten Morgen, dem ersten Novembertag, ging ich in der Dämmerung zum Bogen am Ende der Rua Augusta, der schönsten Straße der Welt. Das Meer war im fahlen Licht der Frühe wie eine glatte Fläche aus mattem Silber. Mit besonderer Wachheit erleben, wie lang ein Monat ist - das war die Idee, die mich aus dem Bett getrieben hatte. Im Café war ich der erste. Als in der Tasse nur noch wenige Schlucke waren, verlangsamte ich den gewohnten Rhythmus des Trinkens. Ich war unsicher, was ich tun sollte, wenn die Tasse leer wäre. Er würde sehr lang sein, dieser erste Tag, wenn ich einfach sitzen bliebe. Und was ich wissen wollte, war nicht: wie lange ein Monat für den vollkommen Untätigen ist. Doch was war es dann, was ich wissen wollte? Manchmal bin ich so langsam. Erst heute, wo das Licht des frühen Novembers wieder bricht, merke ich, dass die Frage, die ich Ana stellte - nach der Unwiderruflichkeit, der Vergänglichkeit, dem Bedauern, der Trauer - gar nicht die Frage war, die mich beschäftigt hatte. Die Frage, die ich hatte stellen wollen, war eine ganz andere: Wovon hängt es ab, wenn wir einen Monat als eine erfüllte Zeit, unsere Zeit erlebt haben statt einer Zeit, die an uns vorbeigeflossen ist, die wir nur erlitten haben, die uns durch die Finger geronnen ist, so dass sie uns wie eine verlorene, verpasste Zeit vorkommt, über die wir nicht traurig sind, weil sie vorbei ist, sondern weil wir aus ihr nichts haben machen können? Die Frage war also nicht: Wie lange ist ein Monat?, sondern: Was könnte man für sich aus der Zeit eines Monats machen? Wann ist es so, dass ich den Eindruck habe, dass dieser Monat ganz meiner gewesen ist?
Es ist also falsch, wenn ich sage: Ich habe ein Jahr gebraucht, um herauszufinden, wie lange ein Monat ist. Es ist anders gewesen: Ich habe ein Jahr gebraucht, um herauszufinden, was ich wissen wollte, als ich die irreführende Frage nach der Länge eines Monats stellte.

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